Wo sind meine Geschwisterchen?
Wir hatten keine Fotoalben. Meine Eltern sammelten einfach alle Fotos in ein paar grossen Schuhschachteln. Die waren für mich das schönste Paradies! Stunden lang konnte ich mich damit vergnügen, die Bilder zu betrachten. War ich sehr quengelig, drückte mir Anyu eine der Schachteln in die Hand, dann war ich ruhig. Vor allem, wenn sie an ihrer Arbeitsstelle Nachtdienst hatte und gerne ein paar Atemzüge lang mitten am Tag schlafen wollte, waren ihr diese Schachteln sehr willkommen.
Alle Bilder faszinierten mich sehr. Vor allem die, auf denen meine Eltern blutjung, frisch vermählt waren. Wie schön sie da aussahen! Ich war mächtig stolz auf sie! So schön wollte ich auch einmal aussehen! Da waren noch mehr Bilder: von meinen Schwestern Zsófia und A*. Immer wieder kramte ich die Fotos hervor, auf denen sie Babies waren auf dem Arm von Anyu. Sie waren so lieblich; und Anyu betrachtete sie so liebevoll.
Ich suchte fieberhaft nach einem Baby-Bild von mir. Auch wenn ich alle Schachteln auskippte und alle Bilder einzeln wieder einräumte — da war einfach kein Foto von mir als Baby! Ich fragte Anyu, wo denn mein Baby-Foto sei. Sie reagierte verwirrt. Dann fing sie an, zusammen mit mir zu suchen, aber wir fanden kein Foto. „Oh”, meinte sie, „das muss verloren gegangen sein. Vielleicht hatten wir aber auch kein Bild von dir gemacht. Weisst du, bei dir ging alles ein bisschen chaotisch zu” „Warum?”, fragte ich. „Ja, weisst du, ich wollte ein Fussballspiel schauen gehen, da hast du dich angemeldet. Vor lauter Freude vergassen wir dann wahrscheinlich ein Bild zu machen.”
Wie naiv ich doch war als kleines Kind! Glück für Anyu. Ich hatte ja keine Ahnung, wie die Babies entstanden, noch wie sie auf die Welt kamen. Da war es leicht, mir ein X für ein U vor zu machen! Mit dieser Erklärung gab ich mich voll zufrieden.
Da war ein Bild, von dem war ich ganz besonders angetan: Vier
kleine Kinder standen in einem Gitterbett. Dieses Bild holte ich immer
wieder hervor, betrachtete es lange, wurde jedes Mal traurig.
„Anyu,
wer sind die denn?” „Och, nur ein paar Cousins und
Cousinen von dir.”
„Was? Und die sind alle gleich gross?”
Mit der Zeit verriet mir Anyu, das Baby
ganz rechts sei
ich.
„Wo sind denn jetzt die anderen? Gehen wir sie einmal
besuchen?” „Nein,
das geht nicht, die sind ganz weit weg.” „Dann
suchen wir sie
doch!”
„Das
geht auch nicht, ich habe keine Ahnung, wo wir anfangen
sollen.”
„Und
warum sind wir alle gleich alt?” „Ja weisst Du, das
sind
alles Kinder
von verschiedenen Mamis, wir haben euch mal aus Jux ins gleiche Bett
gestellt.”
Ach, so war das? — „Aber wenn wir
doch da
alle beisammen waren, warum weisst du dann nicht mehr, wo sie jetzt
sind?” „Da ist was passiert; ich möchte
nicht mehr
darüber sprechen.”
Klar, wollte ich Anyu nicht weh
tun, also
liess ich das Thema fallen. Das Bild fand ich nach diesem letzten
Gespräch auch
nie mehr in der Schachtel! Ich suchte es wie vergiftet, aber
vergeblich. Anyu meinte nur, ich soll gründlicher suchen, das
Foto müsse da sein.
Viel später, wir wohnten schon über ein Jahr in der Schweiz, fand ich unter einem Berg Wäsche einen grösseren Briefumschlag. Neugierig wie ich war guckte ich hinein. Zu meiner Freude waren da einige alte Bilder drin. Das Bild mit den vier Babies war auch da. Vor Aufregung klopfte mein Herz ganz fest. Es wurden Erinnerungen an zu Hause wach, ich wurde wieder traurig. Diesmal stimmte es mich aber vor allem traurig, dass ich so weit weg sein musste von allem ,was mir lieb war. Das Bild weckte in mir merkwürdige Gefühle. Plötzlich war ich überzeugt: Das sind doch meine Geschwister! Waren wir am Ende viereiige Vierlinge? Was hat uns getrennt? Meine Fantasie schlug Purzelbäume!
„Anyu, gib doch zu. Die sind doch meine Geschwisterchen. Was ist passiert? Sind sie gestorben? Willst Du darum nicht darüber sprechen?” Anyu war ziemlich erschüttert. Erst nach Tagen sprach sie mit mir darüber. Nein, das seien nicht meine Geschwisterchen, ganz ehrlich. Es sei ein Zufall, dass sie auf diesem Bild seien, sie habe es nur mit genommen, weil es das einzige Bild sei mit mir als Baby drauf. Die anderen Bilder habe sie nicht gefunden.
Wieder einmal konnte sie mich beruhigen. Es sollten noch viele Jahre vergehen, bis ich das Geheimnis dieses Fotos erfahren durfte.
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