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Wo bin ich?

Ich stehe in einem Gitterbett. Um mich herum sind noch viele solche Betten. In denen, die nahe genug bei meinem eigenen Bett stehen, sehe ich Kinder. Sie liegen friedlich da und schlafen; nur ich nicht!

Links von mir sehe ich ein rundes, dunkles Ding — Holz- oder Kohle-Ofen nennen es die Erwachsenen — und verschwommen nehme ich ein paar helle Flecken wahr. Es sind grosse Fenster. Ich kann aber nicht hindurch sehen; es sind Vorhänge davor. Im Raum ist es dämmerig. Es ist ungemütlich da drinnen. Ich fühle mich schrecklich verlassen, allein.

Ich brülle! Ich brülle mir fast die Lunge aus dem Leib. Aber was nützt es! Niemand kommt und tröstet mich! Jetzt kommt Bewegung in einige Bettchen. Die ersten Kinder regen sich. Das interessiert mich nicht, die können mir ja doch nicht helfen! Ich brülle weiter. Da beginnen schon ein paar zu weinen und bald brüllt der halbe Schlafsaal um die Wette mit mir. Na, wenn das ungehört bleibt...

Aber ja, doch! Super! Da kommt endlich jemand! Eine Frau! Sie hat weisse Kleider an und so eine komische weisse Haube auf dem Kopf. Ich freue mich; endlich wird mir geholfen! Aber warum schaut sie so grimmig drein? Auf direktem Weg kommt sie zu meinem Bett. Sie Ach,sie weiss ja, dass ich Hilfe brauche. Ich will doch nicht schlafen; das brauche ich nicht. Nimm mich raus! Ich will spielen, ich will  hinaus an die Sonne und die frische Luft!

Jetzt steht sie bei mir. Ich strecke ihr freudig die Arme entgegen. Sie schaut mich nur noch grimmiger und furchterregend ungeduldig an: „Du schon wieder? Warum schläfst du nicht? Siehst du, was du jetzt angerichtet hast? All diese lieben Kinder hast du aufgeweckt! Schäme dich!” Sie packt mich grob, drückt mich nieder ins Bett und deckt mich zu. „Jetzt schlaf endlich; wie alle anderen auch! Wirst du wohl noch können!” — und weg ist sie!

Ich bin erschrocken. Vor lauter Schreck kann ich nicht einmal mehr richtig brüllen. Dabei möchte ich das so gerne. Diese böse Frau! Versteht sie mich wirklich nicht, oder will sie nicht? Ich wimmere nur noch leise vor mich hin. Aufstehen wage ich nicht mehr. Vor irgend etwas habe ich jetzt Angst! Die anderen Kinder legen sich auch hin und schlafen bald wieder. Die Frau hat recht; ich bin glaub' wirklich böse!...



Erschrocken wache ich auf; sitze aufrecht in meinem Bett. War das ein schreckliches Erlebnis! Meine Augen sind nass. Habe ich im Schlaf geweint? Meine Mutter kommt, nimmt mich ganz fest in die Arme und wiegt mich. „Mein kleines Mädchen! Was hast du? Wieder so schlecht geträumt? Aber jetzt ist es vorbei. Ich bin ja bei dir!” Ich erzähle ihr meinen Traum. Sie schaut mich nachdenklich an, sagt lange nichts. „ Anyu, warum träume ich immer wieder so schreckliche Sachen?” „Ich weiss es nicht, liebes. Vielleicht hat dir einmal jemand etwas erzählt. Weisst du, im Traum macht man manchmal daraus schlimme Geschichten. Man vermischt dann  was man gehört hat mit dem was man wirklich erlebt hat.” Das kann ich verstehen. Aber warum mussdenn immer ich so schrecklich träumen? „Du hast eben viel Fantasie,” meint meine Mutter. Damit ist für sie das Thema beendet.

Als wir dann endlich nach unserer ”berühmten” Aussprache miteinander darüber reden können, wird es mir klar: Das muss ein Erlebnis aus meiner Zeit im Waisenhaus gewesen sein. Diesen Traum hatte ich dann jedenfalls nie mehr!







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