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Abenteuer auf allen Vieren

Wir wohnen in einem Häuschen in einem hübschen Vorort von Budapest. Es ist ein Dorf, das wie ein grosser Garten wirkt. Jede Strasse und Strässchen ist eine Allee. Beide Seiten sind gesäumt von  Nussbäumen, die unter Naturschutz stehen. Nur die Hauptstrasse ist geteert. Alle anderen Wohnstrassen haben Trottoirs und Fahrstrassen mit Erduntergrund. Damit  die Wege bei Regen nicht zu Flüssen werden, hat es beidseitig tiefe, offene Gräben, die das Wasser aufnehmen. Trotzdem sind diese Wege nach heftigen Regengüssen matschig. Bei trockenem Wetter sind sie staubig. Fährt ein Wagen durch — natürlich von Pferden gezogen — entstehen grosse Staubwolken. Autos sieht man nur auf der Hauptstrasse, und auch dort eher selten. Ab und zu einen Lastwagen und in zeitlich grossen Abständen einen Bus der öffentlichen Verkehrsbetriebe, der die Arbeiter zu einer relativ nahe gelegenen Waffenfabrik bringt. Ein Paradies für Kinder!

Ich bin zwischen vier und fünf Jahre alt.
In Gedanken versunken stehe ich an unserem Gartenhag. Er ist nur aus Draht — einmal sei ein richtiger Gartenzaun da gewesen aus Holz, hat mir meine Mutter später einmal erzählt. Der ist jetzt, in dieser Szene, aber weg. Die Russen sollen ihn zerstört haben und aus Geldmangel hatten unsere Eltern einen Drahtzaun genommen. Nur noch ein kleines Stück, neben dem Toreingang direkt auf die Veranda, ist noch aus hübsch bemaltem grünem Holz. 
Unter dem Hag aus Draht ist eine tiefe Mulde. Die Hühner haben sie gegraben. Wir haben eine grosse Schar davon — sie sind unsere einzigen Eier- und Fleisch-Lieferanten — , und sie dürfen im ganzen Garten frei herum rennen. Das genügt ihnen aber nicht immer. Darum haben sie sich einen Weg auf die Strasse gegraben. Gerade schlüpft ein Huhn unten durch, ein paar andere Hühner im Schlepptau.

Vor meinem geistigen Auge wird das Huhn plötzlich zu einem Kind auf allen Vieren. Es kriecht hindurch. Auf der anderen Seite angekommen, hält es mit aller Kraft das untere Ende des Hages fest und stemmt es hoch. Nicht fest, dazu ist es viel zu schwach. Aber immerhin so viel, dass es für ein kleines Kind hoch genug ist. Jetzt krabbeln noch drei gleich kleine Kinder nach — eines dieser drei bin ich — Zufriedend glucksend machen wir uns auf allen Vieren und schön im Gänschenmarsch auf den Weg zu einem wunderschönen Abenteuer. Ganz schön lange geht es so. Plötzlich sind vor uns zwei grosse Pfosten in Menschenschuhen. Die bewegen sich ja! Und reden können sie auch noch!  „So,so! Wie kommt ihr denn hierher? Weiss das eure Mami? Na dann, kommt mal mit mir, ich gebe euch was Gutes” Zwei Frauen lesen uns auf, jede zwei von uns, und tragen uns davon. Ist das schön, so getragen zu werden, ich bin schon schrecklich müde von meiner Reise! 

Hmm, herrlich ist das! Kuchen à discrétion!

Da bricht der ”Film” plötzlich ab. Ich stehe immer noch neben dem Zaun und die Hühner sind wieder da!

„Was meinst du, wie ich Angst hatte, als ich euch plötzlich nirgends mehr im Garten finden konnte?”, erzählte mir meine Mutter später lachend. Nur für eine kleine Weile sei sie abgelenkt worden, schon seien wir weg gewesen! Im ganzen Dorf hätte sie ihre Schutzbefohlenen gesucht, hätte nach uns gerufen. Zwei Frauen hätten ihr dabei geholfen. Nach einer Weile habe dann eine der Bäuerinnen aus dem Fenster gerufen, wir seien bei ihr, sie hätte uns mitten im Dorf aufgelesen. Sie sei gerade noch rechtzeitig dazu gekommen, denn wir hätten soeben die Hauptstrasse überqueren wollen. Wer von uns die gloriose Idee hatte, wusste niemand. Ich jedenfalls nicht, denn ich war ja eine Mitläuferin — besser gesagt Mitkriecherin.







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